Banner
Wölfe ich Sie und ich


Kuba - mit dem Rad durch Fidel Castros Welt

 

Erschienen im dpa-Themendienst im April 2007
© Petra Reinken

Auf dem groben Asphalt schnurren die Räder, während die Gruppe in die Pedale tritt. Die Straße ist gerade und eben, an einigen Stellen ist der Teer geschmolzen. Der Fahrtwind kühlt. 60 Kilometer radeln an der Westküste Kubas, das ist das Programm der deutschen Reisegruppe für den Tag. Das Meer glitzert schon seit Kilometern verlockend in einem dunklen Türkis links neben der Straße. Und die Gelegenheit für eine Abkühlung naht: An einer Badestelle, an der eine kleine Metallleiter geradewegs in die „Bahía de Cochinos“ – die Schweinebucht - führt, springen alle übermütig juchzend ins Wasser. Radfahren in Fidel Castros Kuba – ein Aktiv-Urlaub der besonderen Art.

Besonders, das bezieht sich unter anderem auf die abwechslungsreiche Landschaft: Angenehm hügelig präsentiert sich zum Beispiel die Sierra del Rosario im Westen. Auch Freizeitfahrer können das ondulierte Gelände - so nennt der kubanische Reiseleiter Adalberto das sanfte Auf und Ab der Berge - im Naturschutzgebiet rund um Soroa gut bewältigen. Wie überall ist auf den schmalen, geteerten Straßen wenig Verkehr. Um sich ans Radeln auf Kuba zu gewöhnen, eignen sich die drei bis vier Tagesetappen von Havanna nach Vin~ales gut, denn das Gebiet ist touristisch erschlossen und es gibt genügend Unterkünfte.

Eine größere Herausforderung an die Kondition sind die gut 80 Kilometer von Santa Clara nach Trinidad im westlichen Zentralkuba. Wer hier radelt, muss über den Ort Topes de Collantes. Etliche Serpentinen führen durch die Sierra del Escambray auf 700 Meter zu hohen Gipfeln des Gebirgszugs. Riesige Hänge in sattem Grün, Felsformationen und immer wieder der Blick hinunter in tiefe Täler mit kleinen Hütten und vereinzelten Viehherden entschädigen für die selbst gewählten Strapazen. Unterwegs verkaufen Bauern kleine süße Bananen – eine nahrhafte Wegzehrung.

Wieder anders präsentiert sich das südliche Zentralkuba. Straßen ziehen sich schnurgeradeaus und ein wenig einsam durch ebene Landschaft. Hier kann der Radler Gas geben. Angepflockte Pferde, Ochsen und grasende Ziegen am Straßenrand deuten darauf hin, dass auch hier Menschen leben. Sehr selten kommen klapprige alte Transporter vorbei. Und dann, vor dem Revolutionsmuseum in Playa Girón, wo 1961 die Invasion in der Schweinebucht so kläglich scheiterte, fährt ein Kubaner in seinem polierten Oldtimer vor. Stolz berichtet er: „Das ist ein Dodge. Baujahr 57“. Wen stört es, dass dem Auto Scheinwerfer fehlen?

Kommunismus hin oder her, wer mit dem Rad auf Kuba unterwegs ist, erlebt unmittelbar, dass es Unterschiede im Wohlstand gibt. Hier Holzhütte, dort Betonhaus, hier weit und breit kein Geschäft, dort sogar einige westliche Marken. Bald jedes Haus ist trotzdem weit vom Standard der komfortablen Hotels für Touristen entfernt, in denen das warme Wasser verlässlich läuft und der Strom kaum ausfällt. Ständiger Zwiespalt begleitet den Radler.

Individuell und ohne Reisegruppe mit dem Rad auf Kuba unterwegs zu sein, setzt einiges an Abenteuerlust voraus: Der Weg von einem Dorf ins nächste kann lang sein - wehe dem, der ein Panne hat und kein Flickzeug dabei. Restaurant und Unterkunft sind manchmal weit. Eine gute Vorausplanung und ausreichend Wasser und Proviant im Gepäck sind darum unabdingbar. Von großem Vorteil sind Spanisch-Kenntnisse. Denn dann ist eine kleine Plauderei vor einem Laden an der Dorfkreuzung, auf einem Markt oder in einem Park im Stadtkern leicht möglich. Mit ein bisschen Glück weiß der Gesprächspartner die Adresse eines casa particulares, also einer privaten Unterkunft, oder eines privaten Restaurants.

Unterwegs gibt es Dinge, die surreal anmuten. Wartende Kubaner zum Beispiel. Aufgrund von Treibstoff- und Fahrzeugmangel sind die Straßen Kubas von Anhaltern gesäumt. Was an der Autopista Aussicht auf Erfolg hat, gestaltet sich auf dem Lande als schwierig. Während die Fahrradgruppe irgendwo im spärlich besiedelten Gebiet zwischen Trinidad und Cienfuegos unter einem Baum Rast macht, harren gegenüber drei Männer mit ein wenig Gepäck aus. Sie warten noch, als die Radler eine halbe Stunde später weiter ihres Weges ziehen – ohne dass überhaupt ein Auto vorbeigekommen wäre.

Wer sich mit dem Fahrrad auf Kuba fortbewegt, gewinnt einen recht unmittelbaren Eindruck der kubanischen Lebenswelt – nicht zuletzt, weil die Inselbewohner sich ebenfalls mehrheitlich per Drahtesel oder mit dem Pferd fortbewegen. Radfahren in Fidel Castros Welt heißt, all die Härten des kubanischen Lebens zwischen Lebensmittelrationierung und ausgelassenem Salsa, zwischen der Unzufriedenheit über das staatsbestimmte Leben und der Angst vor dem, was die Zukunft bringen mag, von einer näheren Stufe aus zu sehen und zu spüren. Und es heißt, auf Individuen zu treffen, die ihre karibische Leichtigkeit dabei nicht verloren haben. Auf Typen wie Pedro, der der Gruppe am Abend gezeigt hat, wie eine ordentliche Zigarre gedreht wird. So fingerfertig ist er seit 45 Jahren und hat den Touristen daher einiges voraus. Und auch den Fahrradvergleich am folgenden Morgen, als er einigen Reisenden der Radgruppe bei der Abfahrt zufällig wieder über den Weg läuft, entscheidet er für sich: Denn sein selbst zusammengetüftelter Drahtesel verfügt im Gegensatz zu den Touristenrädern sogar über eine funktionierende Klingel.

zurück zur Übersicht

Leere Straßen, lange Abfahrten - so macht Radeln Spaß (Copyright: Petra Reinken) zum Vergrößern hier klicken

petra reinken - journalistin - info(at)wortwolf.de

www.wortwolf.de
© 2005/2007