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Wölfe ich Sie und ich


Übersetzen ohne Sprache - das geht nur im Eisschnelllauf

 

© Petra Reinken

Eine komplizierte Aufgabe für Nele: Die Siebenjährige soll loslaufen und den einen Fuß direkt vor den anderen setzen. Auf der Straße und in normalen Schuhen ist das wohl die leichteste Übung der Welt. Auf der Eisbahn und mit Schlittschuhen aber sieht die Sache ganz anders aus.

Nele legt sich in die Kurve, setzt den äußeren Fuß direkt vor den inneren. Es sieht aus, als würde sie die Fuße überkreuzen. Sie wackelt, stolpert, fängt sich, setzt weiter einen Fuß direkt vor den anderen. "Ahhh, Hilfe! Ich werde immer schneller", ruft sie. Trainerin Claudia Rieger freut sich. "Das sollst Du ja auch!"

Was Nele da gerade übt, nennt sich im Eisschnelllauf "Übersetzen". Mit der Technik sausen Eisschnellläufer schnell wie ein Blitz durch die Kurven. In dieser Sportart treten immer zwei Läufer gegeneinander an - und der schnellste gewinnt. Dafür braucht es ordentlich Muskeln in den Beinen. Kraftvoll stoßen sich die Läufer auf gerader Strecke ab. Und damit sie dabei noch mehr Power bekommen und nicht umkippen, beugen sie den Oberkörper weit nach vorne. So halten sie ihr Gleichgewicht. Außerdem bieten sie dann den geringsten Luftwiderstand und durchschießen die Luft wie ein Pfeil.

Bis Nele das kann, ist es noch ein weiter Weg. Und erst mal muss die Technik sitzen. Darum trifft sich das Mädchen mit Lynn, Julia, Luca, Jamie-Lee und einigen anderen Jungen und Mädchen in aller Herrgottsfrühe an einem Sonntagmorgen im Dezember auf der Eisbahn in Hamburg. Es nieselt heute ein bisschen, der Himmel ist grau. Mützen, Schals, dicke Jacken und Handschuhe schützen gegen die ungemütliche Kälte. Auf einem hinteren Teil des Eises lernen die Kinder, sich auf Kufen zu bewegen. Sie gleiten auf einem Bein, fahren S-Linien, übersetzen, springen und wechseln im Springen sogar die Richtung. Wer hinfällt, rappelt sich wieder auf und versucht es noch einmal.

Weiter vorne trainieren die Jugendlichen und Erwachsenen. Alle fahren im Kreis und in eine Richtung. Sonst ist Chaos vorprogrammiert. Wer hinfällt, kann unter die Kufen anderer geraten und sich verletzen. Die meisten hier können das Übersetzen schon richtig gut. In ihren hautengen Anzügen schießen sie vorbei. Ein Windzug - und schon kommt der nächste. Dabei ist die Bahn in Hamburg für die ganz Schnellen zu kurz. Die Kurven folgen so schnell aufeinander, dass Läufer ihre volle Geschwindigkeit gar nicht erreichen, bevor sie schon wieder abstoppen müssen. Die Außenbanden sind an den gefährlichen Stellen gepolstert, falls es doch einmal jemanden aus der Kurve treibt.

Nele und die anderen haben sich in der Pause mit Tee aufgewärmt. Ihren Spaß an der Schnelligkeit dürfen sie nach der Pause ausleben. Dann geht es ab in die Runde zu den Großen. Hier können die Kinder Stoff geben. Aber immer schön in die richtige Richtung.

Mit Klapp-Kufen wie der Blitz übers Eis

Das mit den Kufen ist eine gefährliche Angelegenheit. Julia und Marlon haben Respekt vor den Stahlschienen, die sie unter den Schlittschuhen tragen. Ihre Trainer haben sie geschliffen, sie sind messerscharf. Wegen ihrer Form nennt man die Kufen im Eisschnelllauf auch "Brotmesser". Und, weil sie eben so scharf sind.

Geschützt mit Handschuhen zieht die zehnjährige Julia hinten an ihren Kufen. Die Schiene löst sich zum Teil vom Schuh. Sie ist aber durch eine Feder gesichert und schnappt zurück, als Julia sie loslässt. Julia hat Klapp-Kufen und ist damit für jeden Profi-Wettkampf gerüstet. Marlons Kufen sind noch gesichert. Die Trainer entscheiden, wann seine Technik gut genug ist, um die Feder zu lösen. Für jeden kleinen Eisschnellläufer ist das ein richtig großer Moment. Denn mit Klapp-Kufen ist er noch ein bisschen schneller.

Trainerin Claudia Rieger erklärt, warum nicht jeder gleich auf Profi-Kufen laufen darf. "Wir wollen, dass die Kinder erst eine saubere Technik lernen. Mit den Klapp-Kufen kann man schummeln." So reichten für den Anfang Eishockey-Schlittschuhe mit kurzen festen Kufen. Später können Kinder auf feste, lange Kufen umsteigen, so wie Marlon sie hat. Ganz am Ende der Kufen-Karriere stehen Klapp-Kufen, die bis zu 45 Zentimeter lang sein können, also fast so lang wie dein Arm.

Wer keine Bahn hat, zieht den Kürzeren

Die beste Ausrüstung eines Eisschnellläufers nützt nichts, wenn die Eisbahn fehlt. Aber nicht jede Stadt in Deutschland verfügt über so eine Bahn. Die Sportart kann darum nie so bekannt werden wie Fußball, Schwimmen oder auch Leichtathletik.

Für große weltweite Wettbewerbe benötigen die Profis eine 400-Meter-Bahn. Die Halle dafür muss also so groß sein wie ein Stadion. Davon existieren im ganzen Land nur wenige.

Große Hallen gibt es in Berlin, Erfurt und Inzell. In den Städten Grefath, Frankfurt und München finden meist deutsche Wettbewerbe statt. Außerdem sind das wichtige Zentren für die Nachwuchsarbeit. Hier werden sozusagen neue Eisschnellläufer ausgebildet.

Kufen für den Winter - Rollen für den Sommer

Es gibt eine neue Sportart, die ähnlich funktioniert wie Eisschnelllauf. Super daran ist, dass man dafür kein Eis braucht: Inliner fahren.

Auf Rollen kann man ähnlich rasant abdüsen wie auf Kufen. Viele Kinder, die Eisschnelllauf machen, fahren auch Inliner. Das eine im Winter, das andere im Sommer. In Orten, in denen es keine Eisbahnen gibt, lernen Kinder erst einmal den Inliner-Sport kennen. Erst später kommen sie dann zum Eisschnelllauf.

Die Technik beider Sportarten ist fast gleich, so dass die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) eng mit der Sommer-Sportart kooperiert. "Die Aus- und Fortbildung für Trainer ist ähnlich", erklärt DESG-Sportdirektor Günter Schumacher. Startpässe der anderen Sportart für Wettbewerbe würden bis zu einem gewissen Grad anerkannt.

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(Copyright: Petra Reinken) zum Vergrößern hier klicken

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